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Dorfleben

B'sundres der Biemerschdorfer

Feierabend in Niederböhmersdorf

Die Dunkelheit ist über die Berge gekommen und mit ihr der Mond, der dem Weiß der schönen Fachwerkbauten silbrigen Glanz verleiht. Aus den Ställen klingt leises Kettenklirren Futter malmender Tiere. Ab und zu blökt noch einmal ein Rind auf, tief und behaglich. Dann ist Stille in dem kleinen Thüringer Dorf. Aber nicht lange.

Ein hölzerner Torweg knarrt, heraus schwebt ein leuchtend grüner Mond. Kindertrippeln, gewichtige Schritte der Alten. Aus allen Häusern kommen sie jetzt mit roten, grünen und gelben Laternen. Von der Schule her dröhnt schon die grosse Pauke. Das Akkordeon lockt: "Eilt euch, 's geht gleich los." Vertrieben sind Stille und Dunkelheit. Singend und lachend bewegt sich der Fackelzug durch die Strassen. Dutzende bunte Laternen spiegeln sich im Dorfteich. Wer in dieser späten Stunde noch von Zeulenroda oder Triebes her über die Berge kommt und unten im Dorf die vielen bunten Lichter schweben sieht, wundert sich nicht sehr. "De Biemerschdorfer haben doch alleweil was B'sundres", weiß man im ganzen Kreis. "Sie haben sicher wieder was geschafft".

Sie haben es wirklich geschafft in Niederböhmersdorf. Darum leuchten am Abend des 28. November die Fackeln, und darum singt, lacht und tanzt auch am folgenden Tag das ganze Dorf. Wieder einmal ist ein Teil dessen vollbracht, was das schon bald sprichwörtliche "B'sundre der Biemerschdorfer" ausmacht.

Setzt euch mit uns um die Linde

Kommt man ins Dorf, will einem auf den ersten Blick nichts von dem Besonderen auffallen. Viele Dörfer unserer Republik gleichen diesem kleinen Ort, der rund 560 Arbeitern und Bauern die engere Heimat ist. Doch wie tief und echt ist hier der Gedanke Heimat, wie lieben und besitzen die Arbeiter und Bauern ihr kleines, in die Bergvorläufer des Erzgebirges gebettes Heimatdorf. Setzt euch mit uns auf die Bank um die Dorflinde, dann werdet ihr etwas davon spüren.

Seht, dies ist nicht einfach eine Bank, das ist eine besondere, echt Biemerschdorfer Bank. Wie alles, was hier im Dorf neu ersteht, wurde sie als Idee von Arbeitern und Bauern im Gemeinderat geboren. Das Bürgermeister Lauterlein gleich mahnte: "Aber billig, Leute, billig", war wirklich unnötig. "Unser Dorf hilft sich selbst." So hat denn die Bank keinen Pfennig öffentliche Mittel gekostet. Das Holz kam aus dem Bauernwald. Entworfen, geschnitten, gehobelt und genagelt haben sieben Arbeiter und Bauern nach Feierabend. Und weil die Bank nicht etwa nur einfache Holzbeine, sondern schön geschweifte Eisenfüsse haben sollte, sammelten die Jungen Pioniere Schrott. Ein Böhmersdorfer Arbeiter hat die Füsse dann in seinem Betrieb gegossen. Sie ist ein Stückel Heimat geworden, die Bank. Selbst geschaffen, gemeinsam geschaffen und darum doppelt geliebt.

Das Schuldach und was darunter steckt

Seht ihr dort drüben das schiefergraue Dach der Schule? Es hat auch seine eigene Geschichte. Bis 1949 regnete es durch wie durch ein Sieb. Der "Schulmeister" hat gejammert. "Hier muss ein neues Dach her" beschlossen die Gemeindevertreter. "Aber wie machen wir's so, das es unseren Staat nichts kostet?" Nun, die Biemerschdorfer verstehen das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden. So gerne wie sie arbeiten, tanzen und lachen, essen und trinken sie auch. Ein "Schuldach"-Fest wurde gefeiert. 5.000 DM, die dabei heraussprangen, reichten aus, um den Lehrer wieder ordentlich unters Dach zu bekommen.

Und was dann erst unter dem Schuldach geschah! Hatten die Biemerschdorfer bei diesen "Kleinigkeiten" erprobt, was mit der vereinten Kraft von Arbeitern und Bauern zu leisten ist, so legten sie jetzt erst einmal richtig los. "Ein Kulturraum muss her, ein Pionierzimmer, ein Kinderspielplatz, ein ..." Es hagelte nur so von Projekten im Gemeinderat. "Unser schönes Biemerschdorf braucht das einfach. Und wir werden's schon schaffen." Sie haben auch das geschafft.

Im Schulhaus entstanden in gemeinsamer Arbeit ein schönes Pionierzimmer und ein Kulturraum, der nicht leicht seinesgleichen findet. Nicht allein deshalb, weil er wirklich geschmackvoll eingerichtet ist, sondern darum, weil in jedem einzelnen Stück die tiefe Liebe zum Heimatdorf und zur großen deutschen Heimat steckt. In hunderten Stunden freiwilliger Feierabendarbeit hat jeder das seine dazu beigetragen. Der eine tischlerte, der andere malte, ein dritter spendete die Prämie für die Ablieferung freier Spitzen. Für die Gardinen stifteten die Frauen ein paar Abschnitte ihrer Punktekarte. Und als dieses Werk der Heimatliebe vollendet war, setzten die Böhmersdorfer Arbeiter und Bauern einen wohlüberlegten Spruch über die Tür ihres Kulturraumes:

"Das Beste liegt nicht hinter uns, sondern immer vor uns."

So sind die Biemerschdorfer

"Das Beste liegt immer vor uns", sagen die Böhmersdorfer Arbeiter und Bauern. Und was nennen sie das Beste? Ihr Heimatdorf in einem geeinten, friedliebenden Deutschland, in dem jeder Arbeiter, jeder Bauer ohne Sorgen schaffen und leben kann. Nun kommt das Gute und schon gar das Beste nie von allein. Wer soll das besser wissen als ein werktätiger Bauer, der nur ernten kann, wenn er zuvor gepflügt und gesät hat? Wer weiß besser als die in den volkseigenen Möbelfabriken in Triebes und Zeulenroda schaffenden Böhmersdorfer Arbeiter, dass der Wunsch aus einem Baumstamm noch lange keinen Kleiderschrank macht, sondern dass erst die Arbeit der Werktätigen dem rohen Holz die gewünschte Form gibt. "Man muss die Hände rühren, wenn man etwas schaffen will", steht für die Böhmersdorfer fest.

"Und sind wir unsrer mit Kind und Kegel nur 560, so wollen wir halt doppelt schaffen für unser Ziel. Wenn wir ein schönes Nationales Aufbauwerk errichten, uns nun auch ein Schwimmbad und einen Sportplatz anlegen, dann ist unsere Republik durch unsere Arbeit wieder stärker und reicher geworden. Und der Bauer drüben im Westen wird auf uns schauen und wünschen, statt der amerikanischen Flugplätze auch lieber Schwimmbäder und Sportplätze zu haben." So und ähnlich diskutierten die gewählten Vertreter der Arbeiter und Bauern im Gemeinderat, nachdem ein Waldarbeiter den Vorschlag für den Bau eines Schwimmbades gemacht hatte.

In Böhmersdorf wird nicht lange um eine Sache herumgeredet. Während die Verantwortlichen in der Forstverwaltung und im Rat des Kreises Zeulenroda noch gemächlich und mit vielem Wenn und Aber das Für und Wieder der Böhmersdorfer Initiative erörterten, fragte man in Böhmersdorf schon: "Wer baut mit?"

Ein Buch, das Zehntausende wert ist

Wer baut denn nun mit in Böhmersdorf? Ein dickes, im Kulturraum ausliegendes Buch gibt Auskunft. Jeder Bauer, jeder Arbeiter, fast alle Frauen und sogar die Kinder haben hier eingetragen, was sie zum großen Nationalen Aufbauwerk beitragen wollen. Mehr als 10.000 freiwillige Arbeitsstunden zählen wir aus den Verpflichtungen zusammen. Mit den Gespann-, Fuhr- und Sachleistungen verkörpern sie einen Wert von mehreren zehtausend Mark. Das ganze Projekt, ein 80 mal 100 Meter großes Schwimmbad mit angrenzender Liegewiese und Sportplatz, wird nach seiner Fertigstellung einen Wert von mehr als 100.000 DM haben, den Arbeiter und Bauern in freiwilliger Arbeit und aus eigenen Mitteln schaffen.

Blättern wir einmal in diesem wertvollen Buch. Vornan steht gleich Bürgermeister Lauterlein mit 150 Stunden. (Der Ochs' muss vorangehen, meinte er lachend, als er sich eintrug.) Den Kreissekretär der Gewerkschaft Unterricht und Erziehung, Kollegen Griese, finden wir mit 100 Stunden. Anna Pohle, Aktivistinin der Weberei und Jutespinnerei Triebes baut natürlich auch mit. 50 Stunden trug sie ins Buch ein. Je 100 Stunden leisten der Tischler Ehrhardt und der Volkspolizei-Wachtmeister Weigert, 80 Stunden der Vorsitzende der VdgB (BHG) Kurt Meusel. Mit 100 Stunden hilft der Rentner und Umsiedler Strupp seiner neuen Heimat. "Weil ich körperlich nicht in der Lage bin, am Bau des Freibades mit zuhelfen, aber doch nicht zurückstehen will, spende ich die Prämie für mein freies Schwein", trug der werktätige Bauer Feuschl ins Buch ein. Und der Angestellte Hermann Gross schrieb. "Ich habe im letzten Kriege das Rechte Bein verloren. Unsere Jugend soll sich nicht auf den Kiegsplätzen herumtreiben, sondern auf den Sportplatz und im Freibad den Körper ertüchtigen. Darum leiste ich 100 Stunden." "Mit Hack und Schaufel und Visier wird hier der Bau vorangetrieben. Am Sozialismus bauen wir, weil wir den Frieden lieben" setzte Otto Hadlich über seine Verpflichtung zu 100 Arbeitsstunden für das nationale Aufbauwerk. Am 1. Mai 1952 wurde der erste Spatenstich getan. Tag für Tag arbeitete nun das ganze Dorf dafür, dass keine Verpflichtung auf dem Papier stehenblieb.

Aus der Rede Walter Ulbrichts auf der II. Konferenz der LPG:
In einem einigen Deutschland wird es sowohl Einzelbauernwirtschaften als auch Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften und Staatsgüter geben. Wir sind fest davon überzeugt, das nach den Lehren von zwei Weltkriegen und zwei Kriegskatastrophen Deutschlands endlich die friedliebenden Kräfte in Deutschland siegen werden. Das ist der wille der Merheit der Bauern in ganz Deutschland. Und dieser guten Sache des Friedens, der Demokratie und des Fortschritts wird in Deutschland die Zukunft gehören.

Als das Bad am 28. November richtfertig war, waren nicht nur die versprochenen 10.000 Stunden, sondern 11.300 Stunden geleistet. Und schon wieder sagt man im Dorf: "Bürgermeister, schaff ein neues Buch an, es muss doch weitergehen."

Sie sind stolz aufeinander

Habt ihr nun etwas gespürt von dem "B'sundren in Biemerschdorf"? Aber kommt mit von der Linde zum Fest in den Dorfkrug. Ihr sollt nicht glauben, dass die Biemerschdorfer nur arbeiten können. Hört ihr den Chor? 40 Männer und Frauen singen, alles Arbeiter und Bauern. Dirigieren tut der werktätige Bauer Fritz Drechsel. Er hat übrigens auch unsere Dorfkapelle in Schwung gebracht. Ja, es gibt Talente in Böhmersdorf. Sieben Laienmaler haben wir auch. Und wenn mal, so wie heute, ein schönes Fest gefeiert wird, findet sich auch manch Volksdichter, der uns ein Liedchen darauf schreibt. Und dort, der da am großen Tisch so fröhlich mitsingt und lacht ist unser liebster Gast: Sepp Wenig, Held der Arbeit und Nationalpreisträger, ein Sohn unseres Dorfes.

Los, Sepp, erzähl mal, wie's früher war in Biemerschdorf und wie's dir heut' bei uns gefällt! Unser Kumpel Sepp lässt sich nicht lange bitten: "1898, ich war damals zwei Jahre alt, zog der Vater mit uns aus der Tschechoslowakei nach Böhmersdorf. In der Ziegelei hier bekam er Arbeit. Wir Kinder und der heutige Bürgermeister Lauterlein waren die ärmsten im Dorf, haben drum auch immer gut zusammengehalten. S'Geld hat nie zugereicht. Mit fünf, sechs Jahren mussten wir Kinder schon helfen beim Ziegelaufstellen oder auf dem Felde. Die Zeit war hart für uns Arbeiterfamilien, aber auch für die Kleinbauern. Das hat uns verbunden."

In diesen schweren Jahren wurde in Böhmersdorf ein Bündnis zwischen den Arbeitern und werktätigen Bauern geschmiedet, dass heute die starke Kraft für den Aufbau des freien Arbeiter- und Bauernstaates ist. Nur äußerlich haben sich die Wege Sepp Wenigs und seiner Landsleute getrennt. Wenn Sepp Wenig Bergmann wurde und durch beispiellose Leistungen die höchsten Titel "Held der Arbeit" und "Nationalpreisträger" errang, wenn seine Böhmersdorfer Landsleute hinter dem Pflug, in der Fabrik und im Nationalen Aufbauwerk Tag für Tag mehr als nur ihre Pflicht tun, dann schöpfen alle aus einer gemeinsamen Kraftquelle, dienen alle dem gleichen Ziel. Die Quelle ihrer Kraft ist die tief verwurzelte Liebe zur Heimat, die nach der Zerschlagung des Hitlerfaschismus zur wirklichen Heimat der Arbeiter und Bauern wurde. Und das Ziel ihrer gemeinsamen Arbeit ist, dieser geliebten Heimat den Frieden zu erhalten, sie ist friedlich zu vereinen mit dem Westen unseres Vaterlandes, um mit allen deutschen Arbeitern und allen deutschen Bauern gemeinsam für die vor uns liegende glückliche Zukunft weiterzuschaffen.

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